Ästhetik - ein Wort, das sich wie ein roter Faden durch die Arbeit des Photografen Roman Kasperski zieht. Und ein Wort, das vermutlich jedem Betrachter seiner Bilder durch den Kopf geht. Ganz einfach, weil dieses Wort spürbar, zum Gefühl, wird. Das ist es, was ihn als Photograph ausmacht: die Fähigkeit, über Bilder ein Gefühl zu transportieren.
Roman Kasperskis Repertoire reicht von der Inszenierung erotischer Geschichten in üppigen Arrangements über die Darstellung kühler Erotik bis hin zu Hardcore- und S/M-Photographien. Eines fällt dem Betrachter seiner Bilder jedoch immer wieder auf: Die Modelle vermitteln eine Art von Nähe, präsentieren sich hier nicht nur mit ihrem Körper, sondern mit ihrer gesamten Persönlichkeit. Und genau darin besteht der hohe ästhetische und technische Anspruch Roman Kasperskis, der in seinen Photographien enthüllt, ohne bloß zu stellen.
Diese individuelle und faszinierende Sichtweise entsteht nicht nur aufgrund seiner jahrelangen, intensiven Auseinandersetzung mit dem Fetisch-Metier, sondern auch darauf, das die Wünsche der Modelle berücksichtigt werden. In enger Zusammenarbeit zwischen Photograph und Modell, wird die Entwicklung der Photographien sichtbar und die Atmosphäre für den Betrachter förmlich spürbar.
So entsteht ein Bild, das nicht nur von Natürlichkeit, Erotik, Fetisch, Frauen und Männern erzählt. Es entsteht ein Bild, in dem eines immer im Vordergrund steht: pure Ästhetik.

Roman Kasperski, Jahrgang 1972, entdeckte schon früh seine Leidenschaft für die Photographie. Angefangen als Pressephotograph arbeitet der Student für Photodesign an der Fachhochschule Dortmund zunächst in der Reportage- , Architektur- und Landschaftsphotographie, bevor er vor einigen Jahren seinen persönlichen Interessen nachging und sich auf Fetisch-Fotografie spezialisierte. Seine fesselnden Perspektiven brachten ihm zahlreiche Veröffentlichungen in internationalen Magazinen ein, sowie ein begeistertes Echo in der Fachpresse. Roman Kasperski war fünf Jahre Dozent für Photographie in Essen und kann auf zahlreiche Ausstellungen zurückblicken. Heute arbeitet Roman Kasperski in seinem eigenen Studio in Oberhausen und produziert derzeit einen Bildband mit neuen Arbeiten.

Herr Kasperski, wie schaffen Sie es, ganz gleich ob bei Fetisch oder Hardcore-Photographien, immer diese besondere erotische Atmosphäre zu transportieren?

Meine Fotografien leben von ihrer Dramatik. Dramatisches Licht, dramatische Gesten und ein Körper, der unter Spannung steht. Das ist die Ästhetik, die es vermag, den Betrachter zu berühren.
Wichtig dabei ist, dass man sich nicht wiederholt. Ich versuche, bei jedem Shooting, etwas Neues zu kreieren, jedes Thema von Neuem zu variieren.

Wie entwickeln Sie die Ideen für Ihre Arbeiten?

Es gibt hier zwei verschieden Arten von Entwicklungen. Die eine Variante ist, dass die Persönlichkeit der Modelle im Vordergrund steht. Als Photograph sehe ich schnell, wie die Person veranlagt ist, welchen Aspekt ihrer Persönlichkeit ich in den Vordergrund stellen möchte, welche Pose zu ihr passt und welche nicht. Bei solchen Shootings entwickelt sich die "Geschichte" meist von selbst. Und nur, wenn sich die Modelle in dem was sie tun wohl fühlen, entsteht eine Natürlichkeit, eine natürliche Erotik, dich ich in Bildern einfange. Es ist also ein individueller Entwicklungsprozess, irgendwie ein Abenteuer. Denn man kann vorher nie wissen, ob Photograph und Modell harmonieren, ob die Zusammenarbeit wirklich zum gewünschten Ergebnis führt.. Doch, wie gesagt: meistens entwickelt sich so etwas von selbst.
Die andere Art, Ideen zu realisieren, ist die Inszenierung, die Bühne, die Schauspielerei. Die Modelle spielen eine Rolle, es hat nichts mit ihrer Persönlichkeit zu tun. Ich entwickle Ideen, inszeniere Geschichten, zum Beispiel im Sinne opulenter römischer Orgien, dem Ausdruck von Dekadenz. Und dazu brauche ich dementsprechend auch Modelle, die zu dieser Geschichte und in die Rolle passen.

Welche Variante bevorzugen Sie persönlich?

Zur Zeit finde ich es interessanter, zu inszenieren, Geschichten zu erzählen und die Modelle in andere Welten einzubetten. Erotische Phantasiewelten sichtbar zu machen und zu visualisieren. Dabei sind Ausstattung, Requisite und Maske elementare Bestandteile. Bei den bereits angesprochenen Orgienbildern beispielsweise arbeitete ich mit dem Stylisten Marcel Boese zusammen, mit dem ich auch in Zukunft noch einige Projekte umsetzen möchte. Die Arbeit gestaltet sich hier natürlich wesentlich aufwendiger, jedes Bild ist umfangreicher, als bei der Arbeit mit einem Modell allein. Geschichten kann man nur schwer mit einer Person allein erzählen. Denn der Körper verändert sich logischerweise nicht. Was sich verändert, ist die Sozialstruktur zwischen zwei Menschen. Diese versuche ich, in Geschichten einzubetten, daraus die Aussage zu formen. Doch langfristig gesehen, bin ich mir sicher, dass ich immer beides machen werde. Denn auch die Suche nach der inneren Erotikwelt eines Modells ist immer wieder sehr spannend und ich möchte auch darauf nicht verzichten.

Sie arbeiten überwiegend mit Frauen. Worauf legen Sie Wert bei Ihren Modellen?

Die Modelle müssen eine natürliche Erotik besitzen und auch dazu in der Lage sein, diese zu zeigen, diese in der Arbeit entstehen und sich entwickeln zu lassen.. Inzwischen habe ich einige Modelle, auf die ich zurückgreifen kann. Wenn ich allerdings eine besondere Idee habe, für deren Umsetzung ich einen speziellen Typ mit bestimmten Eigenschafen brauche, muss ich erst danach suchen.
Dass ich überwiegend mit Frauen zusammen arbeite liegt übrigens nur daran, dass es schwieriger ist, bei Männern eine geeignete Person zu finden. Männer sind oft unflexibler in ihrem Typ als Frauen. Doch schon immer arbeitete ich sowohl mit Männern als auch mit Frauen. Gerade in der Fetisch-Fotografie kann man Männer noch eher innovativ fotografieren als Frauen. Hier gibt es noch vieles zu entdecken.

Stichwort Innovation. Sie praktizieren sowohl die schwarz-weiß- als auch die Farbphotographie. Viele Ihrer Bilder, gerade die farbigen, wirken zum Teil verfremdet. Arbeiten Sie mit speziellen Techniken?

Technisch bin nicht festgelegt, diesbezüglich bin ich eher experimentell. Das bezieht sich allerdings nur auf die Photographie an sich. Ich benutze zum Beispiel keine Digitalkameras oder mache Composings am Computer. Das liegt einzig an einer gewissen Nostalgie zur traditionellen Fotografie. Die Farbverfremdungen erziele ich mit Farbfiltern oder speziellen Entwicklungstechniken.
Doch eigentlich ist es völlig gleichgültig, wie ein Bild entsteht. Es soll einfach nur wirken. Und wenn es das erreicht, hat es seinen Sinn erfüllt. Das Mittel der Entstehung ist dabei sekundär.

Herr Kasperski, vielen Dank für das Interview.

Text und Interview: Katja Neumann